Leseprobe aus: „Die Vigilanten“

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FEUER UND ERDE, TRÄUMT VON MIR

 

»Das Hexagon wird brennen!«

Unaufhörlich hämmerte dieser Ruf in Ronas Gedankengängen. Er wirkte derart eindringlich auf ihr Gemüt ein, dass Rona nicht eine Sekunde am Wahrheitsgehalt dieses Satzes zweifelte. Und doch blieb er aus vielerlei Gründen rätselhaft. Zunächst einmal saß sie mit Polianna, ihrer Adoptivmutter, in der Arrestzelle eines Raumschiffs der Astroflotte fest, abgeschirmt von allen möglichen Ereignissen und ohne Zugriff auf Neuigkeiten, die sich bereits ereignet haben mochten. Außerdem weilten sie fernab des Hexagon-Territoriums, sofern man den letzten Aussagen des Schiffskommandanten namens Captain Miles trauen konnte.

Als nächstes Ziel war von der Verbotenen Zone die Rede gewesen; ein gefährlicher Ort, weitab von den Hexagon-Gebieten. Das Mädchen hatte gemeinsam mit Polianna, ihrem Adoptivvater Brent und ihren neuen Freunden, Ulysses und Victor, ebenfalls die Absicht verfolgt, die Zone anzusteuern. Der tollkühne Plan der Raumfahrer war allerdings in dem Moment zunichte gemacht worden, als Captain Miles und seine Crew sie allesamt abgefangen hatte.

So, wie Polianna über den Kommandanten und die anderen Leute auf diesem Schiff sprach, bestand immerhin die vage Hoffnung, dass sie schon bald wieder freigelassen wurden. Viel hing jedoch davon ab, ob Ulysses oder auch Brent das Vertrauen von Captain Miles gewinnen konnten.

Das war alles, was Rona mit ihren elf Jahren halbwegs verinnerlicht hatte. All das erklärte nicht die wiederkehrenden Visionen, die den unheimlichen Satz begleiteten, der in ihrem Kopf wiederhallte:

»Das Hexagon wird brennen!«

Bei diesen Worten erstreckten sich verschiedene Traumgebilde vor Ronas geistigem Auge: Explodierende Raumstationen im Orbit leuchtender Planetenoberflächen, und im Vakuum hilflos dahintreibende Menschen in silbernen Raumanzügen. Sie sah violette Blitze, die jede Szenerie dominierten, die sich im Kopf des Mädchens abspielte. Rona hörte Schreie, tausendfach ausgestoßen von Frauen und Männern aller Spezies, die das Hexagon bevölkerten. Schwarze, nicht näher definierbare Ungetüme stürmten durch zertrümmerte Städte, eingehüllt in schwarzem Rauch. Detonationen zerrissen die Luft und ließen die mit Schutt übersäten Straßen erbeben.

Tiefgehender Schmerz, erdrückende Trauer und lähmende Angst ergriffen von Rona Besitz und ließen sie erst wieder los, wenn sie aus diesen Alpträumen erwachte. Jedes Mal hatte sie Polianna damit zu Tode erschreckt. Sobald Rona ihrer Adoptivmutter im schweißgebadeten Zustand berichtete, was sie gesehen hatte, erntete sie besorgte, aber keineswegs skeptische Blicke. Polianna hatte schon lange davon gesprochen, dass ihre Ziehtochter über wunderliche Gaben verfügte, die alles Natürliche überstiegen. Oft hatte Polianna die Begriffe „Präkognition“ und „Telepathie“ verwendet. Rona konnte nur wenig mit diesen Begriffen anfangen, aber ihr war dabei nie wohl zumute. Diese Gabe war keine leichte Bürde. Alles, was Rona wollte, war die Gewissheit, dass es Polianna und Brent gut ging und dass sie eines Tages einen Ort finden würden, an dem sie in Frieden leben konnten. Doch momentan ging diese Aussicht gegen null.

»Das Hexagon wird brennen!«

Der Satz ließ Rona nicht los. Handelte es sich dabei um eine Warnung, ein noch einzutretendes Ereignis oder um eine bereits ablaufende Katastrophe, von der an Bord des Kriegsschiffes noch niemand etwas ahnte? Als war die Aussicht auf diese Vision nicht schon schlimm genug, verpasste der Klang der Stimme, die diese unheilvollen Worte verkündete, Rona den Rest. Die Stimme war tief, schneidend kalt und klang irgendwie – unmenschlich.

Sie konnte es nicht treffender beschreiben, so oft Polianna auch nachhakte. »Was bedeutet das, unmenschlich? Klang sie hart und gefühllos?«

Rona musste den Kopf schütteln, wie so oft zuvor. »Nein, nein. Die Stimme gehört zu keinem Menschen. Eher einer Maschine.«

Auch ganz ohne ihre mentalen Fähigkeiten hätte Rona die Furcht registriert, die diese Bemerkung bei Polianna auslöste. Da war ein Wissen verborgen, tief in den dunklen Augen ihrer Adoptivmutter. Noch ruhte es in einer schattigen Grube, unberührt und unsichtbar. Doch allmählich kam das Wissen zutage, begleitet von einem weiteren Spruch, der in Ronas Visionen auftauchte: »Das Monstrum ist begraben. Aber noch ist es nicht tot.«

Das begrabene Ungeheuer und die Sechs Welten in Flammen.

Das brennende Hexagon und das begrabene Monstrum.

Da waren noch andere Visionen. Nur fragmentarische Bilder, die Rona inhaltlich noch nicht recht zusammenfügen konnte. Wie jenen gespenstisch aussehenden, schwarzen Mond, der vor ihr endlos hoch aufragte und sie erzittern ließ. Oder die grellgelbe, felsige Planetenoberfläche unter wirbelnden Staubwolken, regelmäßig von Säure-Regen heimgesucht. Sie sah deformierte, finstere Gestalten, die nur Morden und Rauben im Sinn hatten. Eine Kreatur, nein eine Echse auf zwei Beinen, die einer zarten, menschlichen Hand ihre Pranke reichte.

Es blieben nur rudimentäre Einblicke in eine Realität, die womöglich noch in der Zukunft lag. Was auch immer kommen mochte, in ihrem Umfeld würden viele ein schmerzvolles Opfer bringen müssen. Dies war eine unumstößliche Gewissheit. Rona bekam bei diesem Gedanken Bauchschmerzen.

Bisweilen erblickte sie ein Abbild ihrer selbst; ein weiteres Rätsel. Sie wirkte älter als heute, war leichenblass und trug ein zerfetztes Gewand. Sie stand nahe bei einer ausgewachsenen Trauerweide. Zu ihrem Erstaunen erkannte sie darin die Weide, die sie im vergangenen März auf der Insel Almaranah anlässlich ihres elften Geburtstags selbst gepflanzt hatte. Eine Böe, die vom offenen Meer her wehte, fuhr durch umliegende Büsche und die Baumkrone der Weide. Merkwürdigerweise zerzauste sie nicht Ronas lange Mähne. Auf diesen Traum folgte stets ein tiefer, rasanter Sturz, obschon sie an einem flachen Ufer stand. Über ihr erblickte sie die schlaff herabhängenden Äste der Weide. Langsam versank Rona unter den Wurzeln des Baums, immer tiefer abwärts. Lockere Erde, wie eben erst aufgeschüttet, rieselte auf sie herab. Sie drohte zu ersticken. Welch‘ ein grausiger Alptraum.

Es fiel Rona schwer, diese düsteren Eingebungen wieder abzuschütteln. Sie versuchte es mit einem Mantra der markkisianischen Schamanen, die sie während ihres Aufenthaltes auf Markkis I auswendig gelernt hatte: »Wie tief die Furcht auch sein mag, wie schwer das Unheil auch droht, wie tödlich der Schrecken auch erscheinen mag – alles ist im Wandel, alles vergeht. Nichts ist so stark wie die beiden ewig größten Krieger: Gleichmut und Zeit.«

Das Mantra half ein wenig, nahm den Visionen ein Stück weit ihren Schrecken. Das eine oder andere Traumgebilde mochte nicht mehr als ein Hirngespinst sein. Rona wünschte jedoch, dass sie hinter das Geheimnis gekommen wäre, das insbesondere in dem Spruch vom brennenden Hexagon verborgen lag. Was ging im Hexagon vor sich? Wer würde das Feuer legen? Drohte ein Krieg unter den Sechs Welten? Und was das Ungeheuer, das Monstrum anging: Wer war damit gemeint? Klar, im bekannten Universum existierten genügend böse Kreaturen und finstere Mächte, die in Frage kommen konnten: Die kriegswütigen Kertekk auf Markkis I oder die kriminelle Brut in den Gefängnis-Schluchten von Douis. Nicht zu vergessen der unbekannte Feind, den Captain Miles und seine Leute jagten. All das konnte Rona akzeptieren. Sie wollte nur nicht wahrhaben, dass die finsteren Anspielungen womöglich auf jemand ganz anderen gemünzt waren. Jemand, der immer noch voller Rätsel steckte. Jemand, der bislang zwar als Freund aufgetreten, nun jedoch wieder unter Verdacht geraten war. Jemand, der ohne große Erklärungen an Bord eines Roamers ganz alleine in die roten Nebelfelder der Verbotenen Zone geflüchtet war: Der Transhumane, der wunderliche Junge namens Solijon.

 

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