Leseprobe aus SOLIJON

  1. DER MANN MIT DEN TOTEN AUGEN

I

Womöglich war Persaniole die Rettung, sofern das Schicksal Ulysses Magnus gnädig gestimmt blieb. Vielleicht war der entlegene Planet, den Ulysses um jeden Preis zu erreichen gedachte, eine sichere Zufluchtsstätte. Alle Kräfte des alten Raumfahrers waren nur noch darauf ausgerichtet, Persaniole lebend zu erreichen. Vielleicht konnte er in den dichten, größtenteils noch unerforschten, dampfenden Dschungeln jener Welt dem letzten Verfolger entkommen, der ihm bis auf den Liner gefolgt war. Seit Stunden schlich Ulysses im Unterdeck des Passagierschiffs, fernab der Wohnunterkünfte durch verwaiste Korridore.

Ulysses hatte es schon lange kommen sehen. Er, der alternde Kriegsheld, der den verheerenden Maschinenkriegen durch den entscheidenden Sieg ein Ende bereitet hatte, war nun ein gejagter Mann. Wer auch immer der Initiator dieser Hetzjagd war, hatte einen ganzen Trupp auf ihn angesetzt. Ulysses hatte sie alle erfolgreich abhängen können. Nur ein einzelner Mann war ihm nach wie vor dicht auf den Fersen.

»Ich muss Persaniole erreichen; koste es, was es wolle!«, dachte Ulysses verbissen.

Sein Verfolger war nicht leicht zu täuschen. Er ließ sich auch nicht davon abschrecken, dass Ulysses zuvor auf der Sternenbasis Nova einem seiner Komplizen den Arm ausgekugelt hatte. Dass ein Mann seines Alters noch dazu fähig war, hätte bei seinen Jägern mächtig Eindruck machen müssen. Niemand konnte schließlich beim ersten Hinsehen damit rechnen, dass Ulysses für sein Alter immer noch erstaunlich kräftig und flink war. Er hatte die entsprechenden Merkmale, die in der Regel dazu führten, dass ihn seine Gegner unterschätzten: Schlohweißes Haar, das früher einmal kräftig und gewellt gewesen war, runzlige Haut und eine gemächliche Art, die Dinge anzugehen. Doch wehe, wenn man Ulysses Magnus reizte oder in die Ecke drängte.

Von all dem ahnte sein Verfolger nichts. Er konnte auch nicht wissen, dass Ulysses seine Präsenz ganz deutlich spüren konnte. Der alte Raumfahrer eilte durch einen spärlich beleuchteten Versorgungskorridor der Frachträume. Sein Verfolger glich einem lautlosen Schatten, den Ulysses nicht abzuschütteln vermochte.

Es war klar, dass Ulysses sich geschwind etwas einfallen lassen musste, um ihn auszuschalten. Dies musste er bewerkstelligen, bevor sie Persaniole erreichten.

Auf jenem Planeten waren die echsenähnlichen Perssa beheimatet. Gemeinsam mit den Menschen und zwei weiteren Spezies zählten sie zu den Mitbegründern des interstellaren Staatenbunds – dem Hexagon. Die Perssa waren friedliche, hochentwickelte Zeitgenossen. Ulysses besuchte ihre Welt nicht zum ersten Mal. Doch es war rund vierzig Jahre her, seit er den Planeten zum letzten Mal besucht hatte. Seitdem war vieles geschehen.

 

Hinter sich vernahm Ulysses plötzlich kräftig auftretende Schritte. Der Verfolger ließ jegliche Vorsicht und Zurückhaltung fahren und setzte zum offenen Angriff an. Die letzte Etappe der Jagd begann. Ulysses rannte los, schwenkte um die nächste Ecke, in den nächsten Korridor. Er erblickte einen verwaisten Seitengang, der wesentlich heller ausgeleuchtet war. Die Laufschritte des Verfolgers kamen näher und näher. Beinahe hätte die Verzweiflung Ulysses‘ eigenen Lauf ausgebremst. Er rannte schnurstracks in eine Sackgasse. Ulysses saß in der Falle.

»Verfluchter Mist!«, jagte es ihm durch den Kopf. Ulysses verlangsamte seinen Tritt, drehte sich um. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Keuchend beäugte er den Kerl, der ebenso sein Lauftempo drosselte und augenblicklich eine Pistole zückte. Der Verfolger war einer von der diskreten Sorte. Auf dem Lauf der Pistole war ein Schalldämpfer aufgeschraubt.

Wutentbrannt starrte Ulysses auf den Mann, der einen schwarzen Overall und schwarze Stiefel trug. Bis auf einen schmalen Schlitz in der Augenpartie war sein Gesicht komplett in schwarzes Tuch gehüllt.

Die Klangfarbe seiner Stimme, die abgedämpft durch den schwarzen Stoff drang, passte zu seiner Erscheinung. Ohne Umschweife kam der Mann zur Sache: »Entweder kommst du freiwillig mit oder ich betäube dich an Ort und Stelle.«

»Wer schickt dich, Dreckskerl?«, fragte Ulysses trotzig. Ihm war völlig klar, wie hoffnungslos seine Lage war. Er trug keine Waffe, noch nicht einmal ein Messer bei sich.

Der Mann antwortete nicht, sondern machte Anstalten, seine Waffe abzufeuern. Dass der Mann offensichtlich ein Betäubungsmittel und keine todbringende Kugel zu verschießen gedachte, minderte die Bedrohlichkeit keineswegs.

»Wie du willst!«, knurrte Ulysses. Er sah sich gezwungen, seine biokinetischen Kräfte einzusetzen.

Noch bevor der schwarze Kerl schießen konnte, schnürte Ulysses ihm mit bloßer Gedankenkraft die Kehle zu. Der Mann erstarrte. Hinter dem schmalen Sehschlitz seiner Maskierung trat das Weiß seiner Augen, vor Überraschung weit aufgerissen, deutlich hervor. Er konnte sich nicht mehr vom Fleck rühren. Sein ausgestreckter Arm verkrampfte. Hilflos rang er nach Luft.

Mit triumphierendem Lächeln wiederholte Ulysses seine Frage: »Also? Wer schickt dich? Antworte!«

Immer noch stieß der Mann würgende Geräusche aus. In seinen dunklen Augen war nicht das geringste Anzeichen von Furcht zu erkennen. Er schien vielmehr immer wütender zu werden.

Ulysses sah sich gewarnt. Er hatte es mit einem schweren Brocken zu tun.

»Du beantwortest meine Frage lieber wahrheitsgemäß. Andernfalls töte ich dich.«

Sein Gegner erwies sich als verdammt zäher Bursche. Anstatt Ulysses‘ Frage zu beantworten, presste er mühsam hervor: »Fahr zur Hölle, du Feigling! Ich plaudere nie!«

Das war beileibe nicht das, was Ulysses hören wollte. Fieberhaft begann er zu überlegen. Er konnte ihn auf der Stelle töten und damit sein Problem vorerst lösen. Aber wenn man ihm bis auf das Schiff gefolgt war, konnte es nicht lange dauern, bis man die nächsten Verfolger auf ihn hetzte. Seine Flucht würde nie ein Ende finden; es sei denn, Ulysses fand heraus, wer der Auftraggeber war. Dieser ganz in schwarz gekleidete Typ, dessen Augen ihn durch den Sehschlitz hindurch widerspenstig ansahen, war der Schlüssel dazu.

Ulysses hatte noch andere, bemerkenswerte Fähigkeiten. Er war in der Lage, die Gedanken eines Menschen zu lesen. Aber dazu musste er diesen Kerl erst einmal mit Medikamenten ruhigstellen, da er offenkundig eine große Willensstärke besaß. So etwas mitten im Gang eines großen Liners durchzuführen, wo in jedem Augenblick andere Leute auftauchen konnten, war keine sonderlich gute Option. Es war nicht der richtige Ort dafür. Also musste Ulysses ihn vorläufig am Leben lassen.

»Lass die Pistole fallen. Sofort!«

Trotz seiner misslichen Lage brachte der Mann es fertig, zu grummeln. Immerhin gehorchte er. Polternd schlug die Pistole auf dem Boden auf.

Ulysses lockerte den Würgegriff um eine winzige Nuance. Den Rest des gegnerischen Körpers hielt Ulysses weiter unter Spannung. Ulysses trat nahe an ihn heran. Doch er musste keinen Angriff fürchten. Der Mann blieb unter seinem Bann. Hastig durchsuchte er die Hosentaschen und die Innenseite der enganliegenden Jacke des Mannes. Ulysses ertastete mehrere, kalte Gegenstände aus Metall, die er nach und nach hervorholte. Am Rücken trug der Kerl ein Kurzgewehr. Zwei weitere Pistolen und zwei Messer staken an den Wadenpartien seiner hohen Stiefel. Aus den Schenkeltaschen zog Ulysses ein Stilett und einen Wurfstern hervor. Er legte die Waffen der Reihe nach auf dem Boden außerhalb der möglichen Reichweite seines Gegners ab. Nur mit Mühe verbarg Ulysses sein Entsetzen. Er hatte einen mustergültigen Auftragsmörder vor sich.

Rasch blickte Ulysses den Korridor entlang. Immer noch war weit und breit kein Wachpersonal oder Techniker zu sehen. Ihm fiel ein, am anderen Ende des ersten Korridors an einer Tür vorbei geeilt zu sein. Er zerrte den Mann hinter sich her, ohne ihn anzurühren. Ulysses spürte, dass der Mann ungeachtet seiner ungestümen Geisteshaltung mehr und mehr in Panik geriet. Sicherlich traf er nicht jeden Tag auf einen Menschen mit biokinetischen Kräften.

 

Sie erreichten die Tür. Wie Ulysses richtig in Erinnerung behalten hatte, war es der verschlossene Eingang zu einem Lagerraum. Er ließ sich durch einfachen Knopfdruck am linken Pfosten des Portals öffnen. Ulysses schob den Mann vor sich her und schlüpfte durch die Öffnung. Der Raum entpuppte sich als eine schmale Kabine, die von zwei leeren Regalen gesäumt war. Auf der Innenseite des Portals fand er eine weitere Tafel mit einem eingelassenen Knopf vor. Ulysses schloss den Schott. Hier konnte er seinen Angreifer ungestört verhören.

Der schwarze Kerl ließ es sich nicht anmerken, aber Ulysses spürte, dass er völlig verblüfft darüber war, wie ein alter Mann ihn derart überrumpeln konnte. Ulysses lockerte abermals seinen Würgegriff und begann, ihn auszufragen.

Zu spät bemerkte Ulysses die ruckartige Bewegung in der behandschuhten rechten Hand seines Kontrahenten. Ein Stich fuhr ihm in die linke Seite seines Bauchs. Sofort spürte er eine eigentümliche Kälte, die ausgehend von seiner Magengegend erst den Brustbereich und dann auch seine Arme und Beine ergriff. Ulysses erschrak. Dann begriff er. Im Handschuh des Mannes musste ein mechanischer Apparat verborgen gewesen sein, mit dem er Betäubungspfeile abfeuern konnte. Damit hatte Ulysses nicht gerechnet. Der Mann hatte ihn getroffen. Das Betäubungsmittel entfaltete sofort seine Wirkung. Ulysses schwankte rückwärts und spürte, wie seine Knie nachgaben.

 

Ein Ruck durchfuhr Ulysses, als er wieder zu Bewusstsein kam. Er hatte nicht vergessen, was geschehen war. Panisch blickte Ulysses umher. Er war gefesselt und lag auf dem Boden eines abgedunkelten Raums. Ihm fehlte jegliche Orientierung. Er konnte nur Vermutungen darüber anstellen, wo er genau war.

Er schaute in alle Richtungen, soweit sein teilweise immer noch gelähmter und gefesselter Körper es zuließ. Im war schwindlig. Dann hörte er einen Mann, der im Zwielicht zu ihm sprach. Ulysses erkannte die Stimme sofort. Es war derselbe Verfolger, der ihm bereits auf dem Passagierschiff zu schaffen gemacht hatte. Der Bursche hatte ihn also tatsächlich betäubt und verschleppt. Der Entführer hockte an einem Pult, das Ulysses nach und nach als Konsole eines Cockpits einordnen konnte. Der Mann saß mit zugewandtem Rücken vor dem Pult. Dann merkte Ulysses, dass der Raum geringfügig hin und herschwankte. Aus der Größe der Umgebung, der Beschaffenheit des Kommandopultes und der Tatsache, dass der Unbekannte alleine war, schloss Ulysses, dass er an Bord eines Roamers gebracht worden war. Nur ein solches Raumschiff konnte notfalls von einer einzigen Person gesteuert werden und erfüllte gleichzeitig die Mindestvoraussetzungen für einen Langstreckenflug durchs All.

»Bemühe dich nicht!«, hörte Ulysses den Mann sagen, der sich erst gar nicht die Mühe machte, sich zu ihm herumzudrehen. »Das Gift in deinen Körper hält noch eine ganze Weile an. Wenn du wieder versuchst, mich mit deinem Geist anzugreifen, stirbst du. Das Gift in deinen Körper wird dich in spätestens zwei Tagen töten und du kannst nichts dagegen tun. Es sei denn, ich verabreiche dir rechtzeitig das Gegenmittel. Das befindet sich allerdings in einem Safe, irgendwo auf diesem Schiff. Wenn du mich also angreifst oder mich tötest, werde ich dir das Gegenmittel nicht spritzen können. Und alleine wirst du deine Fesseln auch dann nicht so leicht lösen können. Sofern du dich jedoch ruhig verhältst und mir nichts geschieht, werde ich dir das Gegenmittel geben. Dann erreichen wir unser Ziel ohne Zwischenfälle und alles ist in bester Ordnung. Hast du mich verstanden, alter Mann?«

-ENDE DER LESEPROBE-