Leseprobe aus „Solijon“

»Mit ihm stimmt etwas ganz und gar nicht.« Victor nippte an einer Tasse, die mit warmen Sake gefüllt war; ein kleiner Luxus, den der Loader-Kapitän sich gönnte. Er war in seinem Sitz im Kommandoraum der Nomad versunken, und der Autopilot lenkte das Raumschiff auf dem schnellstmöglichen Kurs durch die obersten Schichten der Atmosphäre von Tarvia nach Osten.

Ulysses spürte, dass Victor erwartungsvoll seine Antwort abwartete und stieß einen langgezogenen Seufzer aus. »Zugegeben, er ist sonderbar. Angefangen bei seinen Reflexen, seiner Auffassungsgabe, seiner extrem reservierten Art – ich weiß genau, was du meinst. Aber ich wage es noch nicht, ihn näher unter die Lupe zu nehmen …«

Victor unterbrach in abrupt: »Davon spreche ich nicht. Obwohl mir das natürlich auch schon aufgefallen ist. Aber was mich viel mehr beunruhigt: Er nimmt kaum Flüssigkeit zu sich. Er hat nie Appetit. Und doch ist er nie müde. Nie! Wie kann so etwas sein, Ulysses? Und ist dir mal aufgefallen, dass er stets peinlich darauf achtet, dass seine Ärmel und seine Beinkleider herunter gerollt bleiben; als hätte er regelrecht Angst davor, dass man auf seine Haut starrt? Ganz abgesehen davon, dass sein Gesicht und seine Hände selbst nach Tagen in der Wüste merkwürdig sauber geblieben sind. Das ist doch alles nicht normal. Und erzähle mir bitte keine Geschichten von mutierten Kolonisten auf Markkis III oder meinetwegen Nero’s Point, bei denen so etwas eine ganz natürliche Sache ist.«

»Keine Geschichten, Victor. Aber was willst du hören? Die Wahrheit ist, dass ich das ebenso wenig begreife wie du. Noch nicht. Aber er beginnt, sich wieder zu erinnern. Daran sollten wir anknüpfen.«

Die Miene des Söldners verzog sich zu einem ungläubigen Ausdruck. »Ach ja? Wir sollen also aufgrund von Träumen eines Halbwüchsigen tatsächlich Millionen von Kilometern auf uns nehmen? Mitten in das gefährlichste Gebiet des Hexagons, wo wir beide schon einmal unser Leben riskiert haben? Nur um dann herauszufinden, dass er nie zuvor in dieser Gegend gewesen ist? Wohin fliegen wir anschließend? Ins terranische System? Zum Saturn? Das kostet zu viel Zeit, Ulysses. Dich und mich kostet es zu viel Zeit. Und es ist gefährlich. Dir ist doch klar, dass wir uns beide nicht frei und ungestört durch alle Sechs Welten bewegen können?«

Ulysses verengte seine Augen. »Selbstverständlich weiß ich das! Und das müssen wir auch nicht tun. Unser Ziel steht nun fest. Ich bin davon überzeugt, dass der Junge auf Nero’s Point war und dass wir dort weitere Hinweise finden, die der Lösung unseres Rätsels dienen. Vertraue mir!«

»Du weißt, dass ich das tue! Du bist der Einzige, dem ich überhaupt vertraue. Ich meine nur, dass es an Torheit grenzt, aufgrund von vagen Vermutungen einen Planeten anzufliegen, um den selbst die Astroflotte einen großen Bogen macht. Ganz zu schweigen von all den Briganten-Nestern auf Nero’s Point. Und falls wir durch extrem glückliche Umstände keinem dieser Verbrecher in die Arme laufen, werden wir von einer Patrouille aufgegabelt, noch bevor wir auch nur in die Nähe der Verbotenen Zone gelangen.« Victor holte tief Luft und fuhr fort: »Ich weiß zwar, wie man dorthin gelangt, aber erinnere dich mal bitte an die statischen Störfelder, die uns in der Verbotenen Zone erwarten.«

»Die Raumbriganten können sie überwinden. Und du hast es auch schon getan.«

»Verzweiflung, Gier und Schuld verschlugen mich dorthin, und nur großes Glück half mir dort wieder hinaus. Das letzte Mal klappte es mit dir als unfreiwilligen Begleiter. Wieso sollten wir uns das wieder antun? Was rechtfertigt ein solches Himmelfahrtskommando?«

»Die Aussicht, dass wir dort vielleicht etwas entdecken, das nicht aus unserer Welt stammt. Und der Junge ist der Schlüssel dazu. Oder willst du das immer noch nicht einsehen? Es ist, wie du bereits gesagt hast: Der Junge ist außergewöhnlich. Weil er vielleicht aussieht wie wir, spricht wie wir. Aber er ist auch noch etwas Anderes. Ich habe bereits einige Vermutungen. Aber ich möchte sie noch nicht äußern. Nicht, solange ich nicht mehr herausgefunden habe. Und erst dann werde ich diese Vermutungen auch mit dir besprechen. Doch bis dahin bitte ich dich, mir zu vertrauen!«

»Du verlangst sehr viel, Ulysses.«

»Aber ich verlange nichts Unmögliches. Außerdem: So, wie die Dinge derzeit stehen, ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, für eine Weile aus dem Tarvia-System zu verschwinden, sobald wir einen kurzen Zwischenhalt auf Almaranah eingelegt haben. Wenn mein Plan aufgeht, werden wir unbeschadet nach Nero’s Point und auch wieder zurück gelangen.«

Victor schüttelte den Kopf und seufzte: »Ulysses, Ulysses! Du hast mich damals bei unserer ersten Begegnung nicht getötet, und auch ich habe dich nicht getötet. Aber ich weiß nicht, ob beides so bleibt, sobald wir wieder die Verbotene Zone betreten.« Ihm fiel noch etwas ein: »Ach ja, hast du den Jungen überhaupt einmal lächeln sehen? Das finde ich ebenfalls höchst sonderbar, dass er immer so ernst ist.«

»Lieber Victor, dich sieht man auch nicht oft lächeln. Macht dich das zwangsläufig zu einem Sonderling?«

Victor sah ihn ärgerlich an, sagte aber nichts weiter.

Damit beendeten sie das Gespräch. Und weil sie bereits eine ganze Weile einander kannten, bedurfte es keiner weiteren Worte zwischen ihnen: Die Sache war letztendlich beschlossen. Victor hatte Bedenken, doch am Ende musste er nachgeben. Er wusste um die Weisheit von Ulysses und trotz seiner eigenen Bedenken glaubte er seinem alten Freund. War es nicht offensichtlich, dass sich hinter der ganzen merkwürdigen Geschichte um den Jungen etwas Ungewöhnliches verbarg?

 

-ENDE DER LESEPROBE-

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